Startseite > Unterhaltsames, Unterhaltung > [Unterhaltung] » … hat in der Zwischenzeit einen beleidigenden Charakter angenommen … «

[Unterhaltung] » … hat in der Zwischenzeit einen beleidigenden Charakter angenommen … «

2. Dezember 2011

Folgendes hat sich vor kurzem in einem bekannten Forum zugetragen:

Sehr geehrter Herr XY,

ich arbeite lange genug in der Branche, um freundlich sagen zu können:

An Ihrer Stelle – in einem großen Verbund – hätte ich mich vielleicht auch dazu genötigt gesehen, eine ähnliche Antwort geben zu müssen.

Mit freundlichen Grüßen



Wie würde wohl Herr Marcel Reich-Ranicki den oberen Text interpretieren ?


Ich denke mir, etwas so:

Der Autor beginnt mit einer gängigen und als höflich zu interpretierenden Anreden seines Gesprächspartners.

In seinem darauffolgenden, ersten Satz beschreibt er seine beruflichen Erfahrungen, um dann – eingeleitet von einer ebenfalls formalen Höflichkeit – seine darauffolgende These mit Hilfe eine Infinitiv-Gruppe unter Zuhilfenahme des Modalverbs „können“ einzuleiten.

Im nächsten Satz versetzt sich der Autor in die Situation des angesprochenen Gesprächspartners. Hier ist festzuhalten, daß dies ein Entgegenkommen ist bzw. also solches interpretiert werden kann.

Er beschreibt die Ausgangssituation des Angesprochenen. Zumindest ist festzuhalten, daß der Autor sich die Mühe macht, das Umfeld des Angesprochenen in seine These mit einzubeziehen.

Der zweite Konjunktiv als Ableitung des Präteritum von „sehen“ im Nominativ – also „ich hätte mich gesehen“ – drückt so den „Irrealis“ als Folge der prinzipiell möglich anzunehmenden, aber praktisch unmöglich zu verifizierenden Folge seiner fiktiven und angenommenen Handlung aus. Unterstrichen wird diese als Fiktion angesehene Handlung durch das Wort „vielleicht“, also „ich hätte mich vielleicht gesehen“

Das Partizip Perfekt von „nötigen“ – also „genötigt“ – verwendet der Autor, um im Satz, der ja im Plusquamperfekt des zweiten Konjunktivs verfasst ist, den Irrealis noch weiter zu unterstreichen. Also „ich hätte mich vielleicht genötigt gesehen“ drückt hier eine sehr – darauf möchte ich besonders hinweisen – vorsichtige, wenngleich auch als völlig unmöglich einzutreffende Möglichkeit aus.

Nur – welche These leitet der Autor denn mit einer so derart vorsichtigen Satzkonstruktion denn überhaupt ein?

„eine ähnliche Antwort geben zu müssen“ – Dieser Teilsatz, der eine Infinitiv-Gruppe mit „zu“ darstellt, drückt hier die bedrängte Situation des Angesprochenen aus, die vom Autor als vorhanden gesehen wird und im ersten Teil des Satzes ja mit dem zweiten Konjunktiv „ich hätte mich vielleicht genötigt gesehen“ eingeleitet wird.

Alles in Allem handelt es sich hier um eine sehr vorsichtige, fast zarte Annahme einer möglich angenommenen, aber unmöglich zu verifizierenden Handlung, die dem Leser vermitteln soll, daß der Autor die Handlung des Angesprochenen wertfrei nachvollziehen kann.

Auch hält sich der Autor an alle gesellschaftlich gängigen Formulierungsformen der freundlichen Einleitung und des freundlichen Abschlusses.

In diesem Text des Autors „… einen beleidigenden Charakter …“ hinein zu interpretieren ist ein totaler … (Anmerkung: zum „Selbst-Denken“), denn der Autor versucht mit allen sprachlich, stillistischen und auch grammatikalischen Mitteln dem Leser genau das Gegenteil, also eine äusserst höfliche Nachvollziehbarkeit seiner Handlung, also der Handlung des Angesprochenen, zu vermitteln.

%d Bloggern gefällt das: